Reichshof. Eine lange gedeckte Tafel stand mitten im Ausstellungsraum: 20 Tortenstücke luden zur 20. Geburtstagsfeier des Kunst Kabinetts Hespert ein. Allerdings Vorsicht: Wer nur "genießen" wollte, hatte die falsche Feier gewählt. Die Tortenstücke des Objektkünstlers Alfred Grimm haben es nämlich in sich - sie verführen allesamt zum lauten Schmunzeln bis hin zum Erschrecken.
"Ein Stück Deutschland" tut sich vor dem Betrachter
auf aus einer bissig-ironischen Perspektive. Ob es die
Deutschtümelei des Hermannsdenkmals oder die Fixertorte ist,
ob es die Torte aus Wohlstandsmüll oder die
Milchvernichtungstorte zur Stabilisierung des Preises ist - alle
bieten Gesprächsstoff und eine neue Sicht auf die
Realität im Wohlstands-Deutschland.
Bodo Gerono, künstlerischer Leiter des Kabinetts, stand
zunächst im Mittelpunkt der Geburtstagsfeier. Reichshofs
Bürgermeister Rüdiger Gennies hob ebenso seine Verdienste
hervor wie Vorstandsvorsitzender Hellmut Riebeling. Als Dank
erhielt Gerono eines der christlichen Ausstellungsobjekte des
Künstlers: Den "Aufnehmer-Christus". Verborgen
hinter einem schmutzigen Putzlappen erscheint schemenhaft der
leidende Christus am Kreuz - ähnlich wie beim Schweißtuch
der Veronika. "Er ist es, der den Dreck der Welt
hinwegnimmt", erklärt der Künstler die Objektfigur.
Bodo Gerono ging noch einen Schritt weiter: "So gehen wir mit
Christus um".
Eingeladen zur Geburtstagsfeier wurde auch eine Auswahl von
"Grimms Mädchen". Sitzend, stehend, liegend,
liebend, träumend bevölkern sie die Wände bis ins
erste Stockwerk und zeigen die zweite Seite von Alfred Grimms
Schaffen: Kolorierte groß- und kleinformatige Zeichnungen
voller Dynamik, voller Phantasie, aber auch voller offener und
versteckter Erotik.
Sogar die ehemalige Dorfschule Hespert wird in einigen Objekten des
ehemaligen Pädagogen Alfred Grimm lebendig: knüppelhart,
phantasielos, pechschwarz prangt ein in sich gebrochener
Lehrerstuhl samt Tornister und Büchern im Zentrum des Podiums.
Es gibt diesmal viel zu sehen, viel zu diskutieren, viele
Bezüge herzustellen.
Die Ausstellung im Kunst Kabinett Hespert, Schulstraße 9, ist
noch bis 19. Februar zu sehen - samstags und sonntags von 15 bis 17
Uhr. Infos unter Tel. 0 22 65/93 00.

